Deutsche Oper Berlin: Stockhausen im antiseptischen Klangbad-Labor

Xl_mittwochdsc_2533_hf_c_julianroeder © Julian Roeder

Deutsche Oper Berlin

 

Mittwoch aus Licht

(Karlheinz Stockhausen)

 

Premiere am 19. September 2026

Deutsche Erstaufführung

Karlheinz Stockhausen (1928 – 2007) gilt als einer einflussreichsten, wenn auch teilweise umstrittenen deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts.  Als Vertreter der neuen Musik und der elektronischen Musik hat er global nachhaltig die Entwicklung der Musik und Kunst in der Nachkriegszeit geprägt.

Ja, und in Deutschland bewegt sich jetzt auch was: nach nur rund 23 Jahren der Fertigstellung seines Zyklus Licht – Die sieben Tage der Woche (1977-2003) wagt nun auch schon eine große Kulturinstitution die Deutsche Erstaufführung der Oper Mittwoch aus Licht  als Teil dieses Zyklus. Die Uraufführung fand 2012 in Birmingham statt.

Man kann lange darüber philosophieren, ob der Künstler und Visionär oder der Charakter Stockhausen eigenwilliger war. Stockhausen betrachtete sich als ein außerirdisches Wesen des Planeten Sirius, zu dem er nach seinem Tode zurückkehrt. Sein Leben besteht aus einer weltlichen Reise, auf der er – ursprünglich mit katholischer Prägung – religiösen und anderen Ritualen der Menschheit begegnet und diese künstlerisch verarbeitet. Damit nimmt er später eine universale Glaubenshaltung ein.  

Stockhausen war zutiefst davon überzeugt, dass der Mensch die Verpflichtung habe, sich umfassend zu bilden, auch musikalisch und nach Verbesserung streben muss.

Er bestand darauf, dass seine Kompositionen keine strukturierten, willentlichen kontrollierten Prozesse waren, sondern er selbst (nur) Schwingungen übertrage, die er (passiv) auffängt. In der richtigen spirituellen Verfassung „... existierte ich selbst nicht mehr...“.

Folgerichtig fordert er vom Betrachter und Zuhörer, seine Kunst nicht mit dem Verstand begreifen zu wollen, sondern Vertrauen zu seinem kosmologischen Bezug aufzubauen, „... sonst wird alles falsch und verdreht, was ich empfangen habe und durch dich übertragen wollte“.

Der Gesamt-Zyklus Licht – Die sieben Tage der Woche umfasst sieben abendfüllende Opern, stellt das umfangreichste Bühnenwerk der Musikgeschichte dar, beinhaltet 29 Stunden Musik und wurde von Stockhausen über einen Zeitraum von fast 27 Jahren erarbeitet.

Selbst Richard Wagner Ring des Nibelungen wird durch diese Dimension nachgerade verzwergt.

Die Opern haben keine Libretti im herkömmlichen Sinne. Die Handlungselemente werden in Teilen der Szenen zentral durch die Begegnungen und Auseinandersetzungen von Eva, Michael und Luzifer getragen. Eva steht für das weibliche Wesen, Fortpflanzung und Evolution. Luzifer versucht gegen die göttliche Schöpfung und den Menschen zu wirken, er ist überzeugt, dass der Mensch unvollkommen ist und scheitern muss. Im Gegensatz dazu glaubt Michael, dass der Mensch durch Lernen und den Tod sich zu einem höheren Bewusstsein und göttlicher Vollkommenheit entwickeln kann.     

Andere Szenen scheinen wie frei hinzugestellt und ohne diesen Bezug, verarbeiten teilweise auch biographische Elemente aus dem Leben von Stockhausen, oder wirken ganz willkürlich beigestellt wie zum Beispiel der wahrscheinlich bekannteste Teil des Opus Magnum, das Helikopter-Streichquartett, ebenfalls aus Mittwoch aus Licht

Wesentlich getragen wird die Produktion vom Ensemble Le Balcon mit 12 Instrumentalisten sowie Sängern und Sängerinnen unter der Leitung von Maxime Pascal und mit dem Tonmeister Florent Derex. Dieses Ensemble wurde 2008 von Maxime Pascal gegründet und steht auch heute noch unter seiner Leitung. Es widmet sich Projekten je nach Inhalt, Bühnenraum und Elektronik. Beginnend in 2018 hat man nunmehr den gesamten Licht-Zyklus erarbeitet und die anderen Teile an verschiedenen Orten bereits zur Aufführung gebracht. Mittwoch aus Licht an der Deutschen Oper Berlin ist damit der Abschluss der Erarbeitung des gesamten Zyklus.

Alle Instrumentalisten sind nicht im Orchestergraben, sondern bewegen sich beim Spiel ihrer  Instrumente choreographisch auf der Bühne ohne ein direktes Dirigat.  

Die Regisseurin Suanne Kennedy und der Bühnenbildner Markus Selg verantworten das szenische Konzept und dessen Umsetzung. Sie haben wirklich Vertrauen zu Stockhausens Musik und Kosmologie und bringen insbesondere die geforderte spirituelle Haltung für die ausführliche, lange Umsetzung auf. Die Bühne ist durch eine übergroße Skulptur in Anlehnung an die Kultstätte Göbekli Tepe in der Türkei geprägt, eines der ältesten, von Menschen errichteten Heiligtümer. Dazu prägen einige LED-Videopanels mit wechselnden Darstellungen, auch farblich wechselnden Gestaltungen die Bühne.

Davor und darin schreiten die Instrumentalisten von Le Balcon, des Chores sowie Performer und Performerinnen sowie Tänzer und Tänzerinnen in wechselnden, unspezifischen, spirituell-kosmologisch angehauchten Kostümen (Andra Dumitrascu) - aber ohne Pharao - mehr oder wenig sinnhaft nachvollziehbar durch den in das Auditorium erweiterten Bühnenraum der Deutschen Oper. 

Bei einer reinen Spieldauer von 3,5 Stunden (mit Pausen 4,5 Stunden) eine außerordentlich ermüdende, in-sich-selbst-drehende, laborhafte Prozession ohne Anfang und Ende. Soviel Verstand kann man gar nicht ausschalten.

Selbst das Helikopter-Streichquartett per Video in einer Aufzeichnung vom 5. September 2026 (kurz vor der Premiere) wirkt trotz der Dramatik mit vier Streichern in ihren vier verschiedenen Hubschraubern durch die Länge bleiern und wenig spannend.

Das geht auch anders: 2019 brachte Pierre Audi unter anderem mit Kathinka Pasveer – Lebenspartnerin von Stockhausen – eine an drei Tagen veranstaltete Szenenfolge aus dem Zyklus in einer alten Gasfabrik in Amsterdam zur Aufführung. Dabei wirkten professionelle und noch nicht so professionelle Orchester, Chöre, Kinderchöre, Studenten und weitere Teilnehmer aus ganz Holland mit. Durch den Lernprozess all dieser vielen Beteiligten (ganz nach Stockhausen) entstand ein sehr anderes, farbigeres und bewegteres Erlebnis bei Mitwirkenden und Zuschauern. Der Helikopterflug wurde live übertragen – die Streicher kamen am Ende mit ihren Instrumenten in der rechten Hand und ihrem jeweiligen Piloten an der linken Hand ins Auditorium – das Publikum tobt vor Begeisterung.

Davon ist in der Berliner vergeistigt-spirituellen Erschöpfung nichts zu spüren.      

    

Achim Dombrowski

Copyright:  Julian Roeder

 

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