Deutsche Oper Berlin: Matthäus Passion im christlich-zivilisatorischen Prozess

Xl_deuopermatthaeuspassion-2158hf © Markus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin

 

Matthäus-Passion

Johann Sebastian Bach

Szenische Realisierung des Oratoriums

 

Premiere am 5. Mai 2023

Benedikt von Peter realisiert in der Deutschen Oper Berlin in Koproduktion mit dem Theater Basel, dem er als künstlerischer Leiter vorsteht, eine szenische Umsetzung der Bach’schen Matthäus-Passion. Immer wieder hat es in der neueren Aufführungsgeschichte szenische Lösungen außerhalb des klassischen Kirchenraumes gegeben. In der Deutschen Oper Berlin gab es eine Deutung von Götz Friedrich und Günter Uecker 1999 und auch die Ballettbühne hat die Passion wiederholt dargeboten. Die heute noch bekannteste und über Jahrzehnte weltweit gereiste Produktion von John Neumeier und dem Hamburg Ballett kann als prominentes Beispiel gelten.

Von Peter erarbeitet zusammen mit Natascha von Steiger eine spezifisches räumliches Konzept, das den gesamten Innenraum der Deutschen Oper in besonderer Weise nutzt. Bei hochgefahrenem Graben ist das Orchester links und rechts am Bühnenportal sowie weiter hinten im Bühnenraum, inmitten einer Zuschauertribüne platziert, die gewissermaßen dem Hauptauditorium gegenüber positioniert ist, so dass die Betrachter von verschiedenen Seiten Geschehen und Musik verfolgen.

Die Chöre sind in den vorderen Ranglogen sowie auf dem zweiten Rang und – in einigen wenigen Fällen - inmitten des Publikums platziert. Es entsteht so ein dem Kirchenraum nicht unähnliche Atmosphäre. Diese Anmutung wird noch gesteigert, indem auch die Zuschauer eingeladen sind, an ausgewählten Stellen mitzusingen. Dazu werden Noten verteilt. Der Dirigent Alessandro De Marchi leitet und koordiniert Solisten und Chöre räumlich zentral etwa von der Mitte der sechsten Zuschauerreihe im Parkett. 

Ein wesentliches Element der Inszenierung ist die Mitwirkung vieler Kinder und Jugendlicher. Neben dem Kinderchor der Deutschen Oper Berlin wirken junge Sängerinnen und Sänger aus der Berliner-Capella, dem Berliner Oratorien-Chor, dem Ensemble a Casa, dem Karl-Forster-Chor, The Mamma Mias, dem Vokalensemble Hinterhof49 sowie dem Wilmersdorfer Kammerchor Berlin mit.

Oberhalb eines zentralen, in Höhe des Orchestergrabens positionierten Podiums befindet sich eine sachlich-industriell anmutende Projektionsfläche, auf welcher die Videokunst von Bert Zander sichtbar wird. Viele Szenen des Stationendramas Christi werden von Kindern auf der Bühne an-gespielt und gefrieren sodann zu Standbildern, die durch ihre spezifische Licht- und Farbgebung wie nachgestellte, archetypische Bilder alter Malereien wirken. Diesen jeweiligen Sillleben werden durch Überblendungen wiederholt moralisch-ethische Begriffe aus der jahrhundertealten Rezeptionsgeschichte der Passion zugeordnet, wie Demut, Verantwortung, Erbarmen, Opfer etc.

Nun ist es aber nicht die Absicht des Regisseurs mit der Gemeinde der Zuschauer in einem Opernhaus einen christlichen Gottesdienst zu begehen. Vielmehr will von Peter eine durch Distanz zum Leiden des Stationendramas und die christlich-zivilisatorische Werteschaffung, die die Passion über die Jahrhunderte begleitet oder kreiert hat, ein Bewusstsein schaffen, das diese und andere Werte sich fortwährend weiter entwickeln, und auch verändern müssen. Es wird so auf ihre immerwährende und über Generationen hinausweisende Bedeutungs-Dynamik verwiesen.    

Das wird auch deutlich durch den Widerspruch eines jungen Mädchens und einer kleinen Gruppe ihr folgender Jugendlicher, die in ungestümer und unbestimmter Art protestieren, auch gegen den wie ein Lehrmeister agierenden Evangelisten, bevor Begriffe und Bedeutungen der Passion in unkritische Rituale münden können. Sie formulieren auf Hinweistafeln ihre Änsgte vor der Zukunft.

So entsteht eine feine-feinsinnige Balance zwischen der Achtung religiöser Aussagen und Glaubenselemente und deren Widerhall in einer sich über Jahrhunderte entwickelnden christlich-zivilisatorischen Gesellschaft. Die Perspektive ist so gewählt, dass sie auch verdeutetlicht, dass der Respekt vor den hohen Werten und deren kritiklose Akzeptanz Stillstand oder gar einen möglichen Missbrauch nicht ausschließt, wie uns das unsere eigene Geschichte im 20. Jahrhundert ins Bewusstsein gebrannt hat. Das Aufzeigen einer solchen gefährlichen Potentialität wird als generelle Aussage erarbeitet und nicht in etwaigen aktuellen oder vergangenen politischen Katastrophismen bebildert.     

Schon in seiner INTOLLERANZA 1960-Produktion am Opernhaus in Hannover 2010 hat sich von Peter mit ähnlichen Inhalten auseinandergesetzt. Dort opfert sich eine Gruppe für die Ideen des Kollektivs. Der Regisseur ist dabei noch deutlich weiter gegangen in der Einbeziehung des Betrachters, indem alle Zuschauer auf die Bühne des Theaters geführt wurden und von den Protagonisten und dem Chor physisch in Spiel, Leid und Selbstopfer einbezogen wurden.   

Die Deutsche Oper hat ein exquisites Sängerensemble versammelt. Grandios die theatralisch-deklamatorische Stimmkunst von Joshua Ellicot als Evangelist. Der Sänger verfügt über ein weitgefächertes Repertoire der Lied- und Opernkunst, darunter auch einen Schwerpunkt in der frühen Musik. Padraic Rowan gewinnt seiner stimmlichen Gestaltung tiefe Dringlichkeit für das Leiden Jesus‘  in eindringlicher Form ab – niemand konnte sich dieser bewegenden Darstellung entziehen.       

Annika Schlicht setzt ihren imposanten Mezzosopran stimmlich und darstellerisch mit herber Note ein, was den Leidensmomenten im Gehalt ihrer Partien besonderen Ausdruck verleiht. Siobhan Stagg hält sich mit ihrer schönen Sopranstimme stärker an die trost-spendenden Anteile ihres Gesangs, ohne jedoch in eine Gefühligkeit zu entgleiten. 

Michael Bachtadze , Artur Garbas, Joel Allison und Kieran Carrel vollenden die Schönheit das Solistenensemble in sinnhafter und feiner Stimmgestaltung.    

Alle Mitwirkenden der Chöre unter der Leitung von Jeremy Bines und Christian Lindhorst erreichten trotz der anspruchsvollen, mehrfach geteilten Positionierung im Raum eindrucksvolle Wirkung.   

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Allesandro De Marchi spielte mit zügig, diszipliniert-exakter, aber zugleich gänzlich warmer Tongebung. Es erreichte exakt die im Theaterraum angestrebte Distanz bei intensiver Einfühlung, die das Konzept auch szenisch anstrebt.  

Viel Beifall für alle Beteiligten.  

Achim Dombrowski

Copyright:  Marcus Lieberenz

 

 

 

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