Das ewige Mysterium der Jeanne d'Arc in Köln

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Oper der Stadt Köln

Walter Braunfels

Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna

Premiere am  14. Februar 2016

besuchte Aufführung am 24. April 2019

Der deutsche Komponist Walter Braunfels war in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein in Deutschland bereits in relativ jungen Jahren vielbeachteter und von großen Dirigenten (dazu gehörten unter anderem Bruno Walter, Hans Knappertsbusch und Hermann Abendroth) geförderter Komponist. Bereits 1933 wurde Braunfels jedoch als Halbjude aus allen Ämtern entlassen, 1938 erfolgte das Verbot jeder musikalischer Betätigung durch die Reichmusikkammer. Der Künstler ging nicht wie viele andere ins Ausland, sondern arbeitete in innerer Emigration in Überlingen am Bodensee weiter. In den Jahren 1938 bis 1943 entstand dort auch seine Oper Jeanne d’Arc.     

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Braunfels dann eine wichtige Rolle im Musikleben der Stadt Köln: schon 1945 wurde ihm von Konrad Adenauer der Wiederaufbau der Musikhochschule der Stadt anvertraut, 1948 wird er deren Präsident.

An die Erfolge als Komponist konnte Braunfels trotz des Einsatzes namhafter Dirigenten wie Günther Wand nach 1945 nicht mehr anschließen. Seine Oper Jeanne d’Arcerlebte erst 2008 an der Deutschen Oper Berlin ihre szenische Uraufführung in der Regie von Christoph Schlingensief. Grund genug also das Werk in Köln szenisch neu zu hinterfragen. 

Literarisch erarbeitet Braunfels eine Szenenfolge zum Leben der Johanna. Die Dichtung stammt vom Komponisten selbst, der allerdings nicht auf den Prozessakten aufbaute - wie er angibt - sondern seine literarische Konzeption weitgehend auf George Bernard Shaws Saint Joan aus dem Jahr 1923 stützt, allerdings jede bei Shaw übliche Ironie vermissen lässt. Vielmehr changiert das Libretto in einem Spannungsverhältnis zwischen Mystik und Sozialdrama. In sieben Bildern entwickelt sich die Geschichte Johannas, die die Stimmen der Heiligen hört, Anführerin des Heeres gegen die Engländer wird, die Stimmen nicht mehr wahrnimmt, unter die Räder von Machtintrigen korrupter Politiker und Kirchenführern gerät, ihre Sendung widerruft, verbrannt wird und schließlich in Folge ihres Wirkens bis heute eine Projektionsfigur für alle möglichen (politischen) Interessen wird.  

Die musikalische Struktur der Oper und ihre Wirkung ist bescheiden. Während eine Reihe von Zeitgenossen Braunfels‘ - wie zum Beispiel Zemlinsky oder Korngold - heute durch ihre Klangmagie – auch wenn sie sich gänzlich anders als die Zwölftonmusik oder etwa die Strömungen der Darmstädter Schule entwickelt haben – neu bestechen, erscheint Braunfels‘ musikalischer Kosmos heute nur wenig spannungsreich. Die Musik stellt sich nicht zum Text  oder zur Handlung, sie verzichtet auf jede psychologische Kommentierung oder anderweitige Logik und Entwicklung. Sie will allein die metaphysische Dimension der Handlung begleiten, wohl im Vertrauen darauf, dass diese Metaphysik vom Hörer empfunden oder möglicherweise selbst imaginiert werden kann. Das führt dazu, dass Inszenierung, Chor und die Gesangssolisten Ausdruck und Spannung der Aufführung alleine bewirken müssen.

Allen Mitwirkenden gelingt dies jedoch sehr erfolgreich. Die Handlung spielt auf einer szenischen Installation von Stefan Heyne, welche die gesamte Spielfläche des Staatenhauses bis weit in die Sitzreihen des Publikums hinein beansprucht. Der Raum ist über alle Maßen mit Wohlstandsmüll wie nach einem Wirbelsturm gepflastert. Es ist das Bild eines Lebensraums ohne Ordnung und Halt. Ein gesellschaftliches Endzeitbild, das keine Zukunft und Zuversicht ausstrahlt. Diese Plattform ist Grundlage und Gegenbild zu Johannas Botschaften. 

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca verteilt die parabelhaften Handlungselemente auf die gesamte Spielfläche und bezieht den Zuschauerraum bei Auftritten von Chor und Solisten mit ein. Zusammen mit der Kostümbildnerin Silke Willrett wird ein äußerlich naiv-gläubiger Bild- und Personenkosmos entworfen, der in seiner Schlichtheit und Beeinflussbarkeit unberechenbar und gefährlich wetterwendisch erscheint. Der Abend hält auf dieser Basis unausgesetzt ein hohes Spannungsniveau.    

Juliane Banse als Johanna ist in spielerischer Hingabe und gesanglicher Ausdrucksstärke der Dreh- und Angelpunkt der Aufführung. Ihre expressive Ausstrahlung macht sie zum Fixstern der Handlung, um den alle weiteren Protagonisten kreisen. Aber auch die weiteren Ensemblemitglieder werden auf exemplarische Weise den Ansprüchen des Werkes gerecht. Beispielhaft seien hier genannt Oliver Zwarg als Gilles de Rais, Bjarni Thor Kristinsson als Herzog de la Tremouille, Matthias Hoffmann als Erzbischof von Reims sowie Christian Miedl als Ritter Baudricourt und Judith Thielsen als seine Frau Lison.   

Stefan Soltesz leitet das Gürzenich-Orchester mit bewährt-erfahrener Umsicht. Es ist immer wieder erstaunlich wie die schwierigen Umstände der Orchesterpositionierung links und rechts der Spielfläche in der Ausweichspielstätte der Kölner Oper gemeistert werden. Sehr überzeugend auch der Chor und Extrachor der Oper Köln unter der Leitung von Benjamin Huth zusammen mit den Mädchen und Knaben des Kölner Domchores unter Oliver Sperling und Eberhard Metternich.         

Mithin also eine in szenischer und musikalischer Umsetzung gelungene Realisierung des Werkes. Das Publikum folgt der Aufführung mit Spannung und feiert Protagonisten, Chor und Orchester sowie insbesondere Juliane Banse mit nachhaltigem Applaus. Hinsichtlich der musikalischen Qualitäten der Partitur (auch im Vergleich zu anderen Opern der 20er und 30er Jahre) muss sich jeder Zuschauer sein eigenes Urteil entwickeln.      

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: Paul Leclaire;  

paul@leclairefoto.de

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