Daphnes Mythos als Appell an das Unterbewusstsein an der Staatsoper Berlin

Xl_daphne_rc_307 © Monika Rittershaus

Daphne

(Richard Strauss)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Premiere am 19.02.2023 

Strauss‘ 1938 in Dresden uraufgeführte Oper Daphne hat keine leichte Entstehungsgeschichte. Der Komponist wurde nie rückhaltlos zufrieden in der Zusammenarbeit mit Joseph Gregor, der ihm von Stefan Zweig empfohlen worden war, nachdem dieser sich selbst aus der künstlerischen Kooperation mit Strauss aufgrund von Verfolgung angesichts seiner jüdischen Abstammung zurückgezogen hatte. Abgefangene Briefe von Strauss und Zweig führten auch zu Strauss‘ Rücktritt als Präsident der Reichsmusikkammer. 

Das Werk weist ein noch größeres Gefälle zwischen der berückenden Gestaltung der großen Frauenpartie Daphnes und den eher statischen Männerrollen auf als dies schon bei vorangegangenen Strauss-Opern der Fall ist. Aus heutiger Sicht schuf Gregor eine hymnisch-steife, ungelenk wirkende Sprache. 

Im Mittelpunkt steht Daphne, die unter Menschen nicht heimisch wird und die absolute Verbindung mit der Natur sucht. Nachdem ihr junger, vergeblicher Liebhaber Leukippos von Apollo getötet wird, nimmt sie die Schuld an seinem Tod auf sich und wird in einen Lorbeerbaum verwandelt.     

Romeo Castellucci ist in Personalunion für Regie, Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich. Er entrückt uns in eine gänzlich unwirkliche Welt, ein Endzeitbild in ewigem Schnee, der fast pausenlos und lautlos vom Bühnenhimmel rieselt. Es herrscht flirrendes Licht, das den Zuschauer laufend zum Nachschärfen seiner Augen zwingt, ohne dass er besser sieht. Die Sinne schwanken. 

Diese Bildkunst stellt sicher, dass das von Strauss eingeforderte Zwielicht, das Daphne umgeben soll, nachgerade physisch auf den Betrachter wirkt und zugleich jedweder Konkretisierung enthoben ist. Ganz anders als die Entwürfe anderer Regisseure (wie u.a. Loy in Hamburg 2016), die gerade einen hohen Realitätsbezug anstrebten.  

Eine Personenführung außer bei Daphne selbst ist nicht erkennbar. Die Protagonisten stehen bewegungslos oder mit Gesten geringer Ausdruckskraft im Raum, treten oft einfach nur auf und wieder ab, als ob sie in einem Traum vom Unterbewusstsein herbeizitiert und auch wieder abkommandiert werden.   

Anders Daphne: sie entäußert sich physisch, aber wiederholt in geheimnisvoller Form. So ist sie trotz der Anmutung von strenger Kälte nur durch leichteste Bekleidung geschützt - sie bemerkt dies gar nicht. Sie gräbt sich gegen Ende energisch tiefer und tiefer in Schnee und Erdreich. Gerade in diesem Vordringen in die Tiefe agiert sie mit kraftvoller Gestik und unermüdlicher Physis – in großem Gegensatz zu einer immer traumhaft-verklärteren Musik. 

Sie scheint sich mit all ihrer zur Verfügung stehenden Kraft gegen den Untergang dieser Welt stemmen zu wollen, solange in ihr noch ein Funken Leben existiert. Letztlich will sie sich selbst - oder gar nur ihre Stimme - wie in Verzweiflung als Keim eines zukünftigen Lebens in der Natur installieren. 

Das entspräche auch einer möglichen Versinnbildlichung von T.S. Eliots The Waste Land, dessen Buchtitel in einem großen Bild zeitweise über der Bühne sichtbar schwebt. In diesem Werk wird der Frau eine prophetische Botschaft als letzte Kraftquelle gegen den Untergang der Welt zugeschrieben. 

Der Mythos Daphne wandelt sich so über die  Jahrhunderte changierend in einen anderen, aktuellen Bedeutungshorizont und eine Verknüpfung mit den heutigen Belangen der Welt, indem er die Gefahren des Klimawandels bildhaft werden lässt. 

Das alles – und viel mehr - mag man sich bildlich-rational vergegenwärtigen und nach Erklärungen suchen. Man kann aber auch Castellucci folgen, der anderen Ortes rät, bei seinen Kreationen nicht in kognitive Betrachtungen einzusteigen, sondern vielmehr sein eigenes Unterbewusstsein für sich arbeiten lassen. Auch eine solche Annäherung entlässt den Betrachter nicht aus dem Empfinden quälender Widersprüche und aktueller Gefährdungen.

Vera-Lotte Boecker als Daphne berückt in jedem Moment ihrer Darstellung einer jungen, verletzlichen Frau. Ihre Stimme ist bei wunderbarer, sicherer Höhe in der Mittellage irden und immer von ausgeprägt geradliniger Diktion und Stimmführung – eine exzeptionelle Daphne ohne jede überfeinerte Künstlichkeit.    

Der junge, von Daphne zurückgewiesene Leukippos von Magnus Dietrich - Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper -  bezaubert durch seinen scheinbar unbekümmerten Auftritt in Stimme und Darstellung. Der leuchtende, doch gefestigt klingende Tenor, bewältigt die Herausforderungen der Partie und des großen Orchestervolumens glänzend.       

Pavel Černochs Apollo hat es hingegen an diesem Abend nicht leicht, über die Orchesterfluten durchzudringen. Immer wieder war der Sänger stimmlich nicht angemessen wahrnehmbar.  

Anna Kissjudit brachte als Gaea ihren grandiosen, Erda-haft orgelnden Mezzosopran zur Geltung. René Pape verkörperte routiniert und überzeugend die Rolle von Daphnes Vater Peneios.

Der Staatsopernchor singt unter der Leitung von Martin Wright verlässlich in weißen Schneeanoraks.  

Die Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Thomas Guggeis wird nicht zum Erlöser. Tief und geheimnisvoll-glühend der Ton, von grandioser handwerklicher Kompetenz und überreifer Schönheit, aber ohne eine - scheinbar mögliche - endgültige Erkenntnis oder In-Aussichtstellung einer Lösung des Konfliktes. 

Guggeis bleibt damit eng am Konzept Castelluccis; stellt keine entgegengesetzte, geschärfte oder in einer abrundenden Dynamik aufscheinende Auflösung zur Seite; macht vielmehr den quälend-offenen, ungelösten Untergangs-Konflikt schmerzhaft hörbar. An den besten Stellen ein Stillstand in berückender, beängstigender, spätromantischer Schönheit.   

Einhelliger Beifall mit vielen Bravorufen, und einer einzelnen Missfallenskundgebung für den Dirigenten.  

 

Achim Dombrowski

 

Copyright: Monika Rittershaus

 

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