Berliner Barocktage Vom Begriff der Schuld

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Staatsoper Unter den Linden Berlin

 

Alessandro Scarlatti

Il Primo Omicidio

Premiere am 1. November 2019

Die Staatsoper Unter den Linden in Berlin eröffnete am 1. November ihre diesjährigen Barocktage. Insgesamt stehen drei szenische Realisationen und nicht weniger als 15 Konzerte auf dem Programm. Wie immer leitet René Jacobs eine Produktion im Großen Saal der Staatsoper. Diesmal steht ein selten gespieltes Werk von Alessandro Scarlatti Il Primo Omicidio auf dem Programm.

Unglaublich: Alessandro Scarlatti lebte von 1660 bis 1725, offenbar in einer Zeit, in der viel Musik benötigt wurde: er hat nicht weniger als 700 Kammerkantaten geschrieben, weitere rund 200 werden ihm von der Musikwissenschaft zugeschrieben. Er soll annähernd doppelt so viele Opern wie Händel komponiert haben  – das hieße also rund 80 Partituren, darüber hinaus Oratorien und eine vielseitige, breite Palette weiterer Werke. Er gilt als wegweisender Komponist des Barock, der der Weiterentwicklung der Musik der Zeit vielfältige Impulse gegeben hat. In gewisser Weise hatte Scarlatti allerdings auch das Pech, Zeitgenosse von Vivaldi und Händel gewesen zu sein, deren Bühnenwerke in der Folgezeit dauerhaft größere Aufmerksamkeit genossen.

Anders als bei der Oper stand das Format des Oratoriums für ein tendenziell in sich gekehrtes  teatro spirituale, in welchem der Musiker Gott Dank schuldet und sein eigenes Können nicht zur Schau stellen und äußerliche musikalische Effekte vermeidend, eher einfach klingen sollte. Das Werk galt bis zu seiner Auffindung 1964 als verschollen und befindet sich heute in einer Bibliothek in San Francisco.

Für die mit der Opéra National de Paris und dem Teatro Massimo, Palermo – der Geburtsstadt des Komponisten -  koproduzierte Inszenierung zeichnet Romeo Castellucci gesamthaft für Regie, Kostüme und Licht verantwortlich. Castellucci gilt heute als einer der bedeutendsten Opernregisseure weltweit. Er ist vielfach ausgezeichnet und ist von der Fachpublikation Opernwelt für seine Inszenierung von Richard Strauss‘ Salome bei den Salzburger Festspielen zum Opernregisseur des Jahres 2019 gewählt worden.

Zur Handlung: Adam und Eva beklagen die Vertreibung aus dem Paradies. Kain und Abel bringen Gott Opfer. Gott segnet allein das Opfer Abels, der ein Lamm geschlachtet hat. Durch Luzifer verführt tötet Kain seinen Bruder. Gott verdammt ihn zu einem Leben in ewiger Wanderschaft. Adam und Eva werden beide Kinder nicht mehr wiedersehen und bitten Gott um neue Nachkommen, die er zusammen mit der Erlösung verspricht.  

Im ersten Teil, vor dem Mord an Abel, befindet sich die Szene auf Castelluccis Bühne im Zustand einer unbestimmten Unschuld. Die Welt existiert noch nicht. Es sind nur Umrisse und Farben erkennbar. Die Personen der Handlung bewegen sich ausschließlich in einer spezifischen Choreographie von Gesten, besser Posen, die der Barockmalerei entlehnt sind. Eine Struktur von Kuppelspitzen, die einem Gemälde von Simone Martini entstammen, wird verkehrt herum aus dem Schnürboden herunter gelassen. Ansonsten überwiegt ein beständiger Fluss von Farben und unbestimmten Formen. 

Im zweiten Teil wird ein karger, wenig fruchtbarer Boden, auf dem sich der Mord ereignet, sichtbar. Beginnend mit dem ersten Moment der Gewalt bevölkern in zunehmenden Maße Kinder, gewissermaßen die ersten Menschen, die Bühne. Sie spielen und agieren wie die Sänger, die ihrerseits erhöht im Orchestergraben positioniert sind. 

Mit dem Erscheinen der Kinder parallel zu der Verhandlung von Gewalt, Schuld, Sühne und Vergebung wird eine beständige Gegensätzlichkeit provoziert. Der Zuschauer wird in ein Empfinden des beständigen Zweispalts zwischen kindlicher Unschuld und der Konfrontation menschlicher Gewalt und Schuld versetzt. Welcher Begriff von Schuld wird verhandelt? Welche Bedeutung hat eine Religion oder ein Gott, der auf diese Weise die Tat verdammt? Es entspannt sich ein unendlicher Deutungsraum zu den Begriffspaaren Religion und Gewalt, die den Betrachter nicht mehr loslässt. Die Inszenierung überzeugt durch ihre zurückhaltende, meditative Geste, in welcher sie diese Thematiken so berührend behandelt.  

Barock-Altmeister René Jacobs hat die Produktion in Berlin mit einer zur eigenen Tonträgeraufnahme komplett abweichenden Sänger- und Orchesterbesetzung einstudiert. Die Sopranistinnen Kristina Hammarström und Olivia Vermeulen überzeugen als Caino und Abele ebenso wie deren Eltern Adamo und Eva des Tenors Thomas Walker und der Sopranistin Birgitte Christensen. Der Countertenor Benno Schachtner verkörpert eindrucksvoll die Voce di Dio, der gleichwohl auch physisch auf der Szene präsent ist. Der ebenfalls in Erscheinung tretende Gegenspieler Voce di Lucifero wird vom Bariton Arttu Kataja gegeben. 

Das in jeder einzelnen Besetzung glänzende Sängerensemble wird von dem betörenden 36-köpfigen B’Rock Orchestra wie auf Händen getragen. Das Ensemble ist im belgischen Gent angesiedelt und bemüht sich erfolgreich, in der Zusammenarbeit mit führenden weiteren Künstlern und Dirigenten, auf Originalinstrumenten frische Zugänge zu Musik aus vier Jahrhunderten zu finden und einem internationalen Publikum in vielen Teilen der Welt zu präsentieren.

Ganz offensichtlich gelang dies in dieser Berliner Scarlatti-Aufführung in herausragender Weise. Nur beispielhaft sei der letzte Auftritt der Voce di Dio mit der Arie  "L'innocenza paccando perdeste" erwähnt , in welcher Benno Schachtner mit dem B’Rock Orchestra in andere, himmlische Sphären zu entschweben schien.

Großer Jubel für alle Beteiligten an diesem äußerst erfolgreichen Auftakt der Berliner Barocktage an der Staatsoper Unter den Linden.

Achim Dombrowski

Copyright Photos: Monika Rittershaus

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