© Bettina Stöß
Deutsche Oper Berlin
A Midsummer Night’s Dream
(Benjamin Britten)
Premiere: 26. Januar 2020
besuchte Aufführung: 4. Juni 2026
Regisseur Ted Huffman ist Meister der kunstvollen und kreativen Skizzen, die er in Brittens A Midsummer Night’s Dreaman der Deutschen Oper Berlin zu einer phantastischen, irrealen Bühnenwelt formt. Zusammen mit den Kostümen von Annemarie Woods und der Bühne von Marsha Ginsberg wird selbst ein so großes Haus wie die Deutsche Oper Berlin in den magisch-funkelnden Traumwald Shakespeares verwandelt.
Das Königspaar Tytania und Oberon - wie ihre Feen selbst nicht zeugungsfähig – ist über ein anvertrautes Kind in Streit über das Sorgerecht geraten. Um seine Frau (Alexandra Oomens mit selbstbewusstem Sopran) zu ärgern, beauftragt Oberon (der mit markanter und zugleich sensibler Stimmführung aufwartende Countertenor Iestyn Davies) seinen Diener Puck, mithilfe von Rauschgiften die Beziehung zweier Liebespaare zu verzaubern.
Puck verwechselt die Partner und ein aufgeregtes Durcheinander der zwei Paare nimmt seinen Lauf, die später für alle in einer Lösung zu mündet. Aber diese entwickelt sich in der speziellen Unwirklichkeit des dritten Aktes, der im realen Leben außerhalb des Waldes spielt.
Huffman liefert ein Konzept der Reduktion und Farben: die Welt der Feen wird durch schwarz-weiß Schattierungen und Nebelschwaden gekennzeichnet, die Liebes- und Herrscherpaare der Menschenwelt durch Rot-Töne und die Handwerker schließlich überwiegend durch irden-braune Kostümfarben. Die Bühne bleibt fast leer: eine Mondsichel, eine Leiter, Wölkchen vom Bühnenhimmel.
Der ausgezeichnete Kinderchor der Deutschen Oper Berlin (Leitung Christian Lindhorst) erobert diese riesige, leere Bühne mühelos für sich: diese Feen klettern von allen Seiten auf die Bretter und die kindliche Unschuld ihrer Präsenz setzt den Akzent der ersten beiden Akte und des Finales. Grenzgänger Puck schwebt an Seilen (Choreographie Ran Arthur Braun) durch diese Welten – er möchte die Feenwelt verlassen, aber er weiß zugleich, dass er die Menschen nie ganz verstehen wird.
Tiefrotes, fast martialisches Rot prägt im dritten Akt die reale Welt, außerhalb des Waldes.
Sechs Handwerker spielen eine Aufführung von „Pyramus und Thisbe“, angeführt vom Weber Bottom - der von Puck zeitweise in ein Mischwesen mit Eselskopf verwandelt wird. Sie alle tragen eine besondere Unschuld und unverwüstliche kindliche Lebensfreude mit sich. Vor allem Patrick Guetti als Bottom bewegt mit seinem virilen, stets warmen, beweglichen Bariton und reißt mit seinem bezaubernden, unschuldig-gutmütigem Spiel seine fünf Freunde mit.
Der Auftritt der verspielten Handwerker bei ihrer hoch-kulturellen Übung ist ein bewegender Gegensatz zu den exzellent und mit variantenreicher Charakteristik besetzten, selbst-verliebten und selbst zentrierten Paaren Lysander (Tenor Thomas Ciluffo) und Hermia (Stephanie Wake-Edwards, Mezzosopran) sowie Demetrius (Tom Nicholson, Bariton) und Helena (Maria Vasilevskaya, Sopran).
Theseus und Hippolita vertreten dann erst recht die reale Welt weltlicher Interessen von Macht, Herrschaft und Überheblichkeit.
Die Liebespaare und das weltliche Königspaar Theseus (Padraic Rowan) und Hippolyta (Lucy Baker) feiern schließlich Hochzeit. Berauscht wanken sie ihrer Zukunft entgegen. Wer weiß, wie das im realen Leben wird?
An der märchenhaften Wirkung des Kinderchors und der eindringlichen Rolleninterpretation des (nicht nur Berliner) Puck-Spezialisten, dem schottischen Schauspieler Jami Reid-Quarrell und der witzig-ironischen Personenführung wird die konzeptionelle Qualität der immerhin mehr als sechs Jahre alten Inszenierung, bzw. auch die professionelle Spielleitung von Philine Tiezel erfahrbar, die ihren eindrücklichen Reiz voll erhalten hat.
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin hat gerade im Mai zwei ganze Zyklen von Richard Wagners Ring des Nibelungen am Hause mit seinem Chefdirigenten Donald Runnicles gestemmt. Da stellte der Britten mit der ukrainischen Dirigentin Dalia Stasevska eine ganz andere Welt dar. Das Orchester genoss ganz offensichtlich diese abwechslungsreiche Freude. Die spezielle Klangmagie der Partitur und irisierenden Instrumentalkombinationen Brittens mit Harfen, Celesta, Cembalo und hohes Schlagzeug für die Elfenwelt klang farbenreich und phantasievoll, selbst wenn in früheren Aufführungen die Delikatesse der musikalischen Feineinstellung noch höher gewesen sein mag.
Das Publikum folgt dem immerhin nicht ganz kurzen Werk von über drei Stunden Länge mit gebannter, nicht nachlassender Neugier und aufmerksamer Bereitschaft für die Überraschungen der Szene und nicht selten lautem Lachen. Es gibt sehr lange anhaltenden Applaus für alle Künstler.
Achim Dombrowski
Copyright: Bettina Stöß
09. Juni 2026 | Drucken

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